Transformation Advisory
Händler und Konsumgüterhersteller müssen sich auf neue Kernkompetenzen fokussieren
23. Oktober 2020 · Interview
Prof. Dr. Helmut Merkel & Felix Finger
Während Markenartikler zuletzt immer mehr eigene Vertriebskanäle aufgebaut haben, haben Händler mit Eigenmarken immer robustere Lieferketten entwickelt. Heute führen digitale Vertriebswege, moderne Logistik und der Aufbau neuer digitaler Geschäftsmodelle zu einer weiter steigenden Komplexität für beide Branchen. Prof. Dr. Helmut Merkel und Felix Finger raten: Statt immer weiter Kompetenzen aufzubauen, müssen sie sich vor allem stärker fokussieren.
Die Coronakrise schüttelt Handel und Konsumgüterhersteller ordentlich durch. Wo stehen die Branchen heute?
Prof. MerkelDie aktuelle Situation lässt relativ deutlich Gewinner und Verlierer erkennen. Gewinner sind vor allem diejenigen, die starke Marken aufgebaut haben – entweder als Produzent oder als Händler. Zu diesem Markenaufbau gehört für den Produzenten, vor allem eigene stationäre und digitale Vertriebskanäle hin zum Endkunden entwickelt zu haben. Und für den Händler bedeutet dies, eine optimale Lieferkette aufgestellt zu haben, die Eigenmarken zuverlässig und in hoher Qualität verfügbar macht.
Felix FingerDas hat die Komplexität für diese Unternehmen um ein Vielfaches erhöht. Wer bereits in der Vergangenheit direkte Vertriebskanäle mit zusätzlichen digitalen Services kombiniert hat, steht jetzt in der Krise noch vergleichsweise gut dar. Wer all das nicht gemacht hat, dem droht eine gleichzeitige Liquiditäts-, Transformations- und damit Komplexitätskrise.
Was bedeutet das konkret?
Prof. MerkelIn Hong Kong genauso wie in China können Sie im Lebensmitteleinzelhandel zwischen acht Uhr morgens und 22 Uhr abends einkaufen und Ihren Einkauf ohne Mehrkosten direkt nach Hause liefern lassen. Alibaba hat mit Sun Art Retailing 72 Prozent einer Hypermarktkette erworben, die in China 484 Filialen besitzt. Die Lieferung erfolgt entweder als Premium Service innerhalb einer Stunde oder im Standardservice innerhalb eines halben Tages.
Felix FingerWas künftig wichtig wird: individuelle Kundenbedürfnisse, deutlich schnellere Verfügbarkeit – zum Beispiel Same-Day-Delivery und eine Neu-Definition von digitalen Services rund um die verkauften Produkte. Wer da nicht liefern kann, wird vom Markt verschwinden.
'Neu fokussieren' – was genau soll das heißen?
Prof. MerkelDiese strategischen Fragen sind absolut relevant. Wenn es dann in die Operative geht, steht eins sofort fest: nur mittels skalierbaren Organisationsformen sowie digitaler Technologien lassen sich die neuen Ziele erreichen. Mittelständler in der Fertigungsindustrie machen es seit fast zwanzig Jahren vor, wie 'Spezialisierung' funktioniert.
Felix FingerSie müssen sich die Fragen stellen: Welche Wertschöpfungsstufen hat mein Unternehmen heute und wie möchte ich diese entwickeln? Wie sieht mein Geschäftsmodell in 5 Jahren aus? Ein Handelsunternehmen muss sich bei der Gestaltung des digitalen Aufbruchs auf seine Kernkompetenz besinnen: Marktzugang und Kundennähe.
Wie soll der digitale Aufbruch gelingen? Digital-Experten sind sehr rar am Markt.
Prof. MerkelDas ist eine organisatorische Achillesferse. Unternehmen sollten sich fragen: Was ist meine zukünftige Kernkompetenz und was leistet eigentlich meine IT? Was sollte sie leisten? Je agiler die Kunden, desto agiler müssen auch die Unternehmen werden.
Felix FingerDas stimmt natürlich, der Wettbewerb um die digitalen Talente ist hart. Wir als Beratungsunternehmen überprüfen immer wieder, ob man dazu auch die IT in der jetzigen Form benötigt. Oder ob nicht eine Form von externer Lösung besser wäre, vor allem um skalierbare Services und State-of-the-Art-IT zu erhalten.
Prof. Dr. Helmut Merkel ist Beiratsvorsitzender von Brook Valley und ehemaliger CEO von Karstadt. Felix Finger ist Managing Partner von Brook Valley.